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16.08.2019 Kategorie: Werla

Kugel des Gielder Kirchturms

wurde geöffnet

Im Rahmen der Sanierung des Gielder Kirchturms wurde auch die Kugel samt Wetterhahn von der Turmspitze abgenommen, um in den nächsten Wochen neu vergoldet zu werden.

Voller Spannung wurde sie geöffnet, um zu sehen, was unsere Vorfahren uns dort hinterlassen haben und welche Zeitdokumente sich in ihr befinden. Unter den Augen der Bauleitung (S. Ungetüm, H. Mielich), einiger Handwerker, der Presse und Teilen des Kirchenvorstands öffnete Georg Thiele eine in ölgetränkte Zeitungen eingepackte Kapsel, in der sich zur Freude aller reichlich Material in sehr gutem Zustand fand.

Neben einigen Postkarten und Fotos aus Gielde, alten Geldstücken und Briefmarken, fanden sich auch Zeitungsausschnitte und ein Exemplar der Goslarschen Zeitung vom 27. Februar 1962 in ihr. In diesem Jahr wurde die Kugel offensichtlich zum letzten Mal geöffnet. Ebenso gehörten ein Exemplar der Zeitung „Land- und Forstwirtschaft“ sowie eine Liste mit den Getreidepreisen von 1961/62 zum Inhalt.

Weitaus interessanter sind aus heutiger Sicht jedoch zwei handgeschriebene Berichte, die zu früheren Zeiten der Kugel beigelegt wurden sowie ein Brief, in dem der damalige Pfarrer Bösche gemeinsam mit dem Kirchenvorstand eine Einschätzung seiner Zeit abgibt (eine Abschrift dieses Dokuments finden Sie hier).

Bösche berichtet vom starken Orkan im Februar 1962, bei dem weite Teile Hamburgs und Wilhelmsburgs überschwemmt wurden, da die Deiche brachen und in dessen Folge auch die Kuppel des Gielder Kirchturms beinahe zum Absturz gekommen wäre und über Wochen abzustürzen drohte. Er geht aber auch auf die Situation in Gielde in den Kriegs- und Nachkriegsjahren ein und beschreibt die Wirtschaftswunderjahre mit den Worten: „Nach den Hungerjahren der Kriegs- u. Nachkriegszeit kam zunächst die sogenannte „Eßwelle“, dann seit 1952 die „Kleiderwelle“, seit 1955 die „Reisewelle“ (4 Millionen deutscher Italienreisender schon vor 3 Jahren), dann die „Luxuswelle“ (Luxusautos, autom. Waschmaschinen, Fernseher u.s.w.).“

Schließlich folgert er: „Das kirchliche Leben leidet unter dem Wohlstand unserer Zeit, ist allerdings noch befriedigend gegenüber dem der Nachbardörfer.“ Den Gottesdienst beziffert er zwischen 10 und 40 Besuchern und an Feiertagen 71 bis 250.

Ein besonderes Zeitdokument ist gewiss auch ein kleiner Zettel, auf dem die Bauleute von der Abnahme der Kugel bei stürmischen Wetter am 6. März 1962 berichten und davon, dass sie anschließend in der Wirtschaft waren und für 53,40 DM einen getrunken haben, was die Kirchengemeinde leider nicht bezahlt hätte.

Auch wir werden zu gegebener Zeit die Kugel erneut füllen, einen Bericht schreiben und Dokumente unserer Zeit beigeben, bevor Kugel und Wetterhahn hoffentlich für viele Jahre wieder die Turmspitze krönen.

Beitrag von Frank Ahlgrim